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75 Jahre gab es den Schlachthof auf der Weide
Horst Hassel
Plettenberg. Es ist erst gut 15 Jahre her, dass der städtische Schlachthof
auf der Weide abgerissen wurde. Genau 75 Jahre lang ließen die heimischen Metzger
dort ihr Vieh schlachten – und sie hätten es gerne noch länger getan, doch die Stadt
machte dem jahrelangen Zuschuss-Spuk 1977 ein Ende.
Die ersten Pläne zum Bau eines Schlachthofes kamen 1895 auf. Bis dahin wurde unter schlechten hygienischen Bedingungen geschlachtet, wie ein Blick in die Plettenberger Straßenordnung von 1853 belegt. Im § 11 hieß es da: „Das Schlachten von Vieh auf den öffentlichen Straßen und Wegen ist verboten.“ Es muss also nicht unüblich gewesen sein, Tiere direkt auf der Straße zu schlachten. Unter Bürgermeister Posthausen, der von 1866 bis 1902 die Geschicke der Stadt lenkte, gab es dann ein deutliches Plus an Hygiene: die erste Wasserleitung (1880), die ersten Kanäle und eben auch der Schlachthof auf der Weide wurden gebaut.
Über Jahrhunderte hinweg waren Hausschlachtungen der winterliche Höhepunkt in vielen Privathaushalten. Kühlhäuser, Kühlschränke etc. gab es noch nicht, so dass der Winter als idealer Zeitpunkt zum Schlachten des über Monate gemästeten Schweines galt. Mit dem Aufkommen der heimischen Industrie gab es immer mehr Haushalte ohne bäuerlichen Hintergrund, so dass diese ihr Fleisch beim Metzger kaufen mussten.
Rinder und Schweine in so großer Zahl konnte auch der Metzger nicht mehr im eigenen Haus schlachten, so dass der Bau eines Schlachthofes notwendig wurde. Hier gab es mehrere Stallungen, eine Schlachthalle, Kühlräume, Untersuchungsräume der Tierärzte, Abwasserkläranlagen und „Konfiskat-Räume“, in denen untaugliches Fleisch, das aus hygienischen Gründen oder wegen Krankheiten der Tiere nicht verwertet werden durfte, für kurze Zeit zwischengelagert wurde.
Im September 1901 begannen die Bauarbeiten für den Schlachthof auf der Weide, ein Jahr später war er fertiggestellt. Er florierte so gut, dass 1937 noch eine Viehverteilungsstelle auf dem Schlachthofgelände installiert werden konnte. Die Schlachtschweine wurden in jenen Jahren per Kleinbahn angeliefert. Die nutzte das Firmengleis der Firma Voß & Schröder. Von dort wurde das Schlachtvieh über eine hölzerne „Schweinebrücke“ zum Schlachthof getrieben. Über diese Brücke brachten sich die Mitarbeiter der Firma Voß & Schröder 1944/45 bei Luftangriffen in der zum Luftschutzkeller ausgebauten Grube „Neu Glück“ in Sicherheit.
Nach dem II. Weltkrieg, der Notzeit, war die Nachfrage nach Fleisch ungewöhnlich groß. Besonders vom Schlachthof angebotenes „Freibankfleisch“ (Fleisch von Notschlachtungen oder verunfallten Tieren), war wegen des günstigeren Preises gefragt. 1953 gab es immerhin 32 Metzgermeister im Stadtgebiet, der Schlachthof auf der Weide war also Anlaufstelle für alles rund um Rind und Schwein.
Beginnend in den 1960er Jahren, machten es Fleischimporte aus dem Ausland den heimischen Metzgern immer schwerer, die Wirtschaftlichkeit des Schlachthofes zu garantieren. Die Stadt musste 1960 jeden Monat 1300 Mark zum Schlachthof zuschießen. 1976 waren es schon 100 000 Mark/Jahr, mit denen der Schlachthof aus städtischen Mitteln subventioniert wurde – die Stadt gab auf. Die Konsequenz für das „Faß ohne Boden“ war die Schließung. Zwar gab es noch Versuche, private Betreiber für die Einrichtung eines Gemeinschaftsschlachthofes zu finden, doch angesichts des Sanierungsbedarfes gelang das nicht. Am 31. Januar 1977 wurde letztmalig im Schlachthof auf der Weide geschlachtet. Die Ruinen wurden 1994 abgerissen. Heute hat das ehemalige Schlachthofgelände mit dem Königreichsaal der Zeugen Jehovas und einem Spiel- und Bolzplatz eine neue Nutzung.
Statistik vom Plettenberger Schlachthof
Plettenberg. Nur selten einmal dringt eine Kunde von dem Leben
und Treiben, das sich Tag für Tag auf dem Gelände des Plettenberger
Schlachthofes abspielt, nach draußen. Blicken wir einmal in die
Statistik, so lesen wir, dass allein im letzten Jahr auf dem
Schlachthof 1.773 Rinder geschlachtet wurden gegenüber 1.653
im Jahr 1959.
SCHLACHTHOF
Ein Apotheker als Schlachtvieh-Sachverständiger?
. . . Im März 1885 wandet sich die Stadtverwaltung von Plettenberg in
einem Schreiben an den Königlichen Landrat zu Altena, in dem sie
sich nach den Möglichkeiten zum Bau eines Schlachthofes erkundigte.
Die Anfrage wurde an die Königliche Regierung zu Arnsberg weitergeleitet.
Seitens der Regierungsstelle wurde der Plettenberger Plan, nach welchem
ein Apotheker die Untersuchung des geschlachteten Viehs vornehmen
sollte, entschieden abgelehnt. Der Fleischbeschauer musste ein
"Sachverständiger" sein. Laut Interpretation der Regierung in Arnsberg
erfüllte lediglich ein Tierarzt die Voraussetzungen . . . Einen Tierarzt
gab es zu diesem Zeitpunkt in Plettenberg nicht.
. . . Ende November 1891 richtete Bürgermeister Posthausen eine Anfrage
an die Königliche Regierung. Er wollte wissen, ob ein allgemeiner Roßarzt
die Qualifikation habe, das Schlachtvieh zu untersuchen. "Die hiesige
Stadtvertretung ist der Meinung, daß, wenn ein kleines Schlachthaus
hier gebaut würde, ein pensionierter Roßarzt demselben vorstehen könne,
um Kosten zu sparen." . . . Am 3. Dezember 1891 stellte der Kreisausschuss
in Altena die Genehmigungsurkunde aus. Die Zustimmung wurde an eine
Liste von Bedingungen geknüpft. . .
Der Bauplatz
. . . Es wurden Deputationen gewählt, die sich nach Brühl, Unna und Lünen
begaben, um sich über die dortigen Schlachthofanlagen zu informieren. . .
Ende des Jahres 1900 wurden die Verträge mit den am Bau und Ausstattung
des Schlachthofes beteiligten Firmen geschlossen. Das Architekturbüro
Schmidtmann & Klemp, Dortmund, war für die Erstellung der Baupläne
zuständig. Die Firma Semmler & Gsell, Dortmund, lieferte die Kühlanlage.
. . . und die maschinelle Einrichtung kam von der Firma Kaiser & Co aus
Kassel. Im Sommer wurden die Bauarbeiten "zum Neubau des Schlachthofes
zu Plettenberg" ausgeschrieben. Das Angebot des Bauunternehmers Carl
Kirchhoff lag bei 33.000 Mark, Carl Loos erhielt den Zuschlag, da er lediglich
30.000 Mark forderte.
Um die Verrichtung der anfallenden Schreinerarbeiten bewarben sich Wilhelm
Theis, Carl Loos und Peter Kaiser. Die eingegangenen Offerten lagen zwischen
1.900 und 2.400 Mark. Der Auftrag ging an den Schreinermeister Wilhelm
Theis, der die Konkurrenten um rund 500 Mark unterboten hatte. Der Baubeginn
erfolgte im Herbst des Jahres 1901.
. . . Die Stadtverordneten-Versammlung fasste 1901 auf Grundlage der Gesetze vom
18. März 1861 und 9. März 1881 folgenden Beschluss:
Am 4. März 1902 wurde das Ortsstatut betreffen die Einführung des
Schlachtzwanges in der Stadt Plettenberg verabschiedet und veröffentlicht.
. . . Jeder sollte wissen, dass Hausschlachtungen nach der Inbetriebnahme
des öffentlichen Schlachthofes strengstens verboten waren. . . Mit welcher
Strenge man ansonstens seitens der Verwaltungsbehörden für die Einhaltung
des Schlachthauszwanges eintrat, geht aus einer an die Adresse der Bürger
von Plettenberg gerichteten "Warnung" vom 28. März 1924 hervor:
"Es besteht der Verdacht, dass einzelne Metzger eine große Anzahl Tiere
- Kälber, Schweine usw. - in ihren Wurstküchen oder drgl. schlachten. Bei
der letzten Fellablieferung wurden von einzelnen Metzgern mehr Felle
abgeliefert, als sie Tiere im hiesigen Schlachthof geschlachtet haben.
Höchstwahrscheinlich kommen diese Tiere sogar ununtersucht in den Handel.
Bei gerichtlicher Bestrafung würde in solchen Fällen nur auf Gefängnisstrafe
erkannt werden. . . Ich werde selbst jetzt häufiger die Kontrolle der Geschäfte
und Wurstküchen vornehmen, damit derartige Fälle gerichtlich verfolgt werden."
so Schlachthofvorsteher Dr. Münnich.
. . . Im Verwaltungsbericht der Stadt Plettenberg von 1903-1904 wurden
in diplomatischer Weise die kritischen Stimmen, die angesichts der Nützlichkeit
und des erfolgreichen Wirkens der Einrichtung im Endeffekt verstummen
mussten, verschwiegen:
"Nachdem am 17. September 1902 der Betrieb übergeben worden war,
empfand es ein jeder Einwohner der Stadt Plettenberg als eine Wohltat,
dass die kleinen Schlachträume der einzelnen Metzger zu einem Schlachthause
vereinigt wurden und letzteres außerhalb der Stadt zu liegen gekommen
war. Ist man doch damit wieder einen guten Schritt vorwärts gekommen
auf dem Gebiete der Volkshygiene in einer Stadt mit so engen Straßen,
dicht aneinanderliegenden Häusern und ohne Kanalisation." |