Bericht des letzten Lehrers von Selscheid

Quelle: Chronik von Rektor Dieter Dringenberg, 51 S. u. Anhang (DIN A4 maschinengeschrieben), Archiv H. Hassel

Selscheid, das kleine Dorf im Gebirge zwischen Ohle und Kleinhammer, zwischen Hasenberg und Solberg, erhielt im Jahre 1919 eine eigene kleine einklassige evangelische Volksschule, und zwar mit Verspätung, denn der I. Weltkrieg hatte ihre Einrichtung verzögert.
Das erste Schulhaus war ein kleines Nebengebäude des stattlichen Middendorfschen Bauernhofes. Klassenraum und Lehrerwohnung waren dort unter einem Dach vereint. Im Jahre 1936 zog die Schule um in ein neues, ansehnliches Schulgebäude. Nähere Auskunft hierüber erteilt die Schulchronik.


Schulgebäude in Selscheid im Jahre 1960. Foto: Martin Zimmer

Von 1929 bis zur Schließung der Schule waren in Selscheid insgesamt 10 Lehrerinnen und Lehrer tätig. Der letzte Lehrer von Selscheid berichtet hier über seine Tätigkeit in der Zeit von 1953 bis 1966. Er tur dies, um nicht nur seiner kleinen Schule ein Denkmal zu setzen, sondern um ganz allgemein für alle damaligen Zwergschulen, wie man etwas abschätzig diese einklassigen Schulen nannte, ein bescheidenes Blatt der Erinnerung festzuhalten. Denn sie sind es wert, nicht sang- und klanglos in der Versenkung des Vergessens zu verschwinden.

Der letzte Lehrer von Selscheid beginnt seinen Rapport mit der Schilderung eines allgemeinen typischen Schulalltags, dessen Facon er nach einem etwa halbjährigen Studium der hiesigen Schulverhältnisse gefunden hatte.

Um sechs Uhr in der Früh begann für den letzten Lehrer von Selscheid der Alltag. Sein erster Gang galt dem großen Zentralheizungsofen, welcher ein Fassungsvermögen von etwa 2 Zentnern Koks aufwies. Immerhin wurden von diesem Kessel aus 22 Heizkörper und ein 400 Liter Boiler mit heißem Wasser beschickt. Die allmorgendliche Reinigung und Füllung des Kessels war Schwerarbeit, langwierig und ungesund. Die Koksschlacken mußten zunächst im Kessel zerkleinert werden, dann wurden sie mit einer großen Schlackenzange herausgenommen. Der Aschenraum wartete ebenfalls auf seine tägliche Entleerung. Schließlich wurde der Kessel wieder neu gefüllt.

Nach dieser "Morgengymnastik" war jedesmal eine gründliche Morgenwäsche fällig. Das Frühstück nahm der letzte Lehrer von Selscheid in Ruhe und mit großem Appetit ein. Pünktlich um 7.25 Uhr schloß er dann die Schulpforte auf, vor der die Schulkinder schon geraume Zeit warteten. Die Schulkinder eilten in den Schulflur, legten hier ihre Garderobe ab und betraten alsdann den Klassenraum. Bevor sie ihre Arbeitsplätze einnahmen, gingen sie zur Stirnwand des Raumes, wo neben dem Pult der jeweilige Tagesarbeitsplan hing. Aus diesem Plan ersahen sie ihr tägliches Arbeitspensum. Erst nach dessen Kenntnisnahme stellten sie sich hinter den Stühlen ihrer Arbeitsplätze auf. Pünktlich um 7.30 Uhr betrat der letzte Lehrer von Selscheid den Klassenraum, trat hinter das Lehrerpult und leitete die Tagesarbeit ein mit einer kurzen Morgenandacht, bestehend aus einem Choral, einer Schriftlesung und deren Interpretation und einem Gebet. Danach begann die eigentliche Schularbeit.

Um die Organisation und den organisatorischen Ablauf eines Schulalltags in der Selscheider Schule zu verstehen, muss an dieser Stelle zunächst der Tagesarbeitsplan erklärt werden. Der Plan bestand aus einem quer gelegten DIN A 4-Blatt. Es enthielt einen Rahmenplan: Oben waren von links nach rechts die sechs Unterrichtsstunden eines Tages ausgewiesen. Links waren von Oben nach unten die acht Jahrgänge aufgeführt, und zwar oben mit dem achten Jahrgang beginnend. Das Blatt wurde auf diese Weise in 48 kleine Rechtecke aufgeteilt. Jedes dieser Rechtecke diente zur Aufnahme von kurzen schriftlichen Vermerken betreffs der stündlichen Arbeitsaufträge für die einzelnen Jahrgänge. (Ende Seite 1)

Nur in einer Unterrichtsdisziplin wurden alle acht Jahrgänge einzeln für sich beschult und unterwiesen: im Rechnen, heute sagt man dazu Mathematik. Eine Eintragung mit roter Tinte bedeutete: Hier ist der Lehrer aktiv mit dem Jahrgang bzw. der Arbeitsgruppe tätig. Eintragungen mit blauer Tinte besagten: Hier sollen sich die Teilnehmer der Gruppe selbständig und selbstätig mit der vorgegebenen Aufgabe beschäftigen und auseinandersetzen. ...



Am 15. Juli 1937 wurde sie eingeweiht, am 1. Dezember 1966 wird die einklassige evangelische Volksschule in Selscheid von Amts wegen geschlossen.

Quelle: WR vom 16.11.1994 (?)

Plettenberg. "Als in Ohle noch die Schulglocke bimmelte. . ." Am morgigen Freitag, 17. November, wird an der Grundschule Ohle das 75. Schuljubiläum gefeiert. Zum Abschluss der WR-Serie mit Beiträgen zur Schulgeschichte lesen Sie heute Erinnerungen an die einklassige Volksschule Selscheid von deren letztem Rektor Dieter Dringenberg:

"Die einklassige Schule in Selscheid wurde am 1. Dezember 1966 geschlossen. . . Ehe die schulpflichtigen Jungen und Mädchen aus Selscheid und den umliegenden einsamen Waldhöfen ihre eigene kleine Schule am Ort besuchen konnten, mussten sie weite Wege zurücklegen, um in der damals zweiklassigen Volksschule in Ohle unterrichtet zu werden. Die oftmals bis zu zwei Stunden langen Wege waren miserabel und bei Regenwetter kaum passierbar. Stürme machten den Gang durch die Wälder zu einem Risiko Im Winter behinderten Schnee und Glätte die Jungen und Mädchen, zu denen ja auch die kleinen i-Dötze gehörten. Erreichten die Schüler im Tal die Lenne, mussten sie mit einem Lenne-Kahn am Hofe Husemann/Gringel ans andere Ufer übersetzen - ein Unterfangen, das besonders bei Hochwasser gefährlich war. Eine Brücke gab es damals noch nicht.

Der Unterricht, bzw. die ´Schulzeit´, dauerte bis 16 Uhr. Für die Jungen und Mädchen von der Wiehardt im Ohle Gebirge bedeutete dies, dass sie nicht vor 18 Uhr daheim waren. Im Winterhalbjahr begann der Unterricht zwar erst um 8.30 Uhr, dennoch traten die Kinder ihren langen Schulweg im Dunkeln an. Und sie kehrten auch erst nach Einbruch der Dunkelheit wieder nach Hause zurück.

Der Ruf nach einer eigenen Schule in Selscheid wurde verständlicherweise immer lauter. Der ortsansässige Bauer Wilhelm Mittendorf stellte für den Unterricht einen Spieker (´Speicher´) zur Verfügung. Er wurde umgebaut zu einer Zwei-Zimmer-Wohnung für den Lehrer und einer Schulstube. Nach Abschluss dieser Arbeiten konnte im Jahre 1919 - der Erste Weltkrieg hatte alle zeitlichen Planungen verzögert - der Unterricht aufgenommen werden.

Ständiger Wechsel der Lehrer
Der Schulbezirk umfasste die Siedlungen Grimminghausen, Voßloh, Hechtenberg, Wiehardt, Auf der Höh, Sechtenbecke, Hohagen, Erkelze, Winterhof, Jeutmecke und Breitenfeld. Die einsame, abgelegene Lage des Schulortes Selscheid war für die dort tätigen Lehrer kein besonderer Anreiz dafür, diese Schulstelle länger als nötig zu betreuen. So sind die ständigen Lehrerwechsel und die zeitlich geringe Dauer ihrer Tätigkeiten verständlich. Die durchschnittliche Dienstzeit aller zehn in Selscheid tätig gewesenen Lehrpersonen betrug in 47 Jahren des Bestehens dieser Landschule nur 4,7 Jahre. Über 17 Jahre lang hatte sich die Selscheider Elternschaft mit dem Kornspeicher zufrieden gegeben. Allgemein und auch verständlich fühlte man sich schulisch vernachlässigt. Nach vielerlei Protesten der Elternschaft, Verhandlungen mit den zuständigen Schulorganen konnte ein Schulneubau entstehen. Er wurde am 15. Juli 1937 eingeweiht im Beisein der gesamten Selscheider Bevölkerung und zur großen Freude des damaligen Lehrers Fritz Getzlaff, dem ersten Lehrer der neuen Schule.

Am 1. Dezember 1966 wird die einklassige evangelische Volksschule in Selscheid von Amts wegen geschlossen. Dies geschah leider sang- und klanglos! Am 2. Dezember sind die Jungen und Mädchen zum letzten Mal in ihrer vertrauten Schule versammelt, um aus den Händen ihres ´letzten Lehrers im Ohler Gebirge, Dieter Dringenberg´, die Überweisung an die Gemeinschaftsschule Ohle entgegenzunehmen. Die Schließung erfolgte im Rahmen der Schulreform 1968, einem Jahr, in dem die letzten ein- und zweiklassigen Schulen ihre Tore schlossen. Damit starb eine Jahrhunderte alte Tradition Schulform endgültig aus.

Die Protagonisten jener Reform feierten 1968 ihren Erfolg. Dennoch bleibt es in der Rückschau zweifelhaft, ob jene ´Reformer´ jemals erkannt hatten, dass gerade diese Schulform einen großen Kahlschlag in der Welt der Schule hinterlassen hat. Die ´Zwergschule´ war eine ideale und praktikable Erziehungsstätte. Sie war leistungsfähig und leistungsstark, sie war Bildungsstätte für Kinder und Lehrwerkstätte für Lehramtskandidaten zugleich. Es wäre schön und gewiss auch für die Bewertung der Plettenberger Schulgeschichte von Nutzen, wenn man sich auch bei einer hoffentlich noch zu schreibenden ´Plettenberger Schulgeschichte´ an die einstigen Leistungen der ´Zwergschulen´ in Selscheid, Leinschede, Pasel, Sonneborn, Lettmecke, Kückelheim, Himmelmert und Bremcke erinnern würde."


Das Antwortschreiben des Landrates in Altena schmetterte 1877 den Antrag aus Selscheid auf Errichtung einer Gebirgsschule in Hilfringhausen ab.
Kürzere Schulwege waren kein Argument. Bewohner des Ohler Gebirges versuchten, sich abzuspalten

Zimmer fand Beleg im Evangelischen Kirchenarchiv - Schule für Hilfringhausen

Ohle. (HH) Im Evangelischen Kirchenarchiv der Gemeinde Ohle fand Archivar Martin Zimmer kürzlich einen Beleg dafür, dass die Bewohner des Ohler Gebirges im Jahre 1877 separatistische Bestrebungen verfolgt haben: In Hilfringhausen sollte eine Gebirgsschule für 56 Schüler zu Lasten der Schule in Ohle eingerichtet werden.

Der Schriftverkehr mit dem Landrat in Altena zeigt, dass die Bewohner des Ohler Gebirges versuchten, der Behörde den Schulstandort Selscheid schmackhaft zu machen. Hintergrund: Die offiziellen Stellen planten wegen der gestiegenen Schülerzahlen eine zweite Klasse in Ohle einzurichten. Doch der Antrag aus Selscheid wurde abgelehnt.

Die Bergbauern um P. D. Ebberg aus Selscheid gaben nicht auf. Am 26. September 1877 beantragten sie, in Hilfringhausen eine Gebirgsschule einzurichten. Sechs Wochen später kam die Antwort. Der Königliche Landrath zu Altena schrieb am 6ten November 1877 an P. D. Ebberg zu Selscheid (eine Kopie ging an den Amtmann Weiß Wohlgeboren in Neuenrade):

Antrag aus Selscheid abgelehnt
Auf den, in Gemeinschaft mit mehreren Unterzeichnern, an mich gerichteten Antrag vom 26. September, betreffend die Errichtung einer neuen Schule zu Hilfringhausen, an Stelle der 2ten Schule zu Ohle, erwidere ich Ihnen, zugleich zur gefälligen Mitteilung an die übrigen Antragsteller, daß die Schulenpräsentation sich wiederholt für die 2te Schulklasse in Ohle ausgesprochen hat und ich nach sorgfältiger, nochmaliger Erwägung aller in Betracht kommenden Verhältnisse, aus denselben Gründen, welche eine Ablehnung des Schulprojektes Selscheid zur Folge hatte, auch die Creirung einer Schulstelle zu Hilfringhausen ablehnen muß.

Wenn auch evtl. die neue Schule zu Hilfringhausen, welcher eine Theilung der Gemeinde Ohle in 2 gleiche Bezirke vorausgehen müßte, mit 56 Schülern beginnen könnte, dann ist doch, wie dieses bei allen Gebirgsschulen der Fall ist, die Gewißheit vorhanden, daß, wie in Ohle eine ständige Zunahme, so in Hilfringhausen, eine fortwährende Abnahme der Schülerzahlen eintreten wird.

Die Entfernungen der in Betracht kommenden Ortschaften, welche nach Hilfringhausen zu legen sein würden, differieren gegen Ohle, bei Erkelze nur um 5, bei Sechtenbecke um 15, bei Höh um 5, bei Kleeschlade um 10, bei Wiehard um 10, bei Hechtenberg um 20, bei Voßloh um 15, bei Grimminghausen um 15, bei Hohenhagen um 15, bei Selscheid um 20 und nur bei Breitefeld und Hilfringhausen selbst um 30 u. bei Teindeln um 25 Minuten. Um dieser geringen Entfernungen wegen aber die zweiklassige Schule zu Ohle aufgeben und die Kinder einer einklassigen Gebirgsschule überweisen zu wollen, zu welcher außerdem die Wegeverbindungen mit größeren Gefahren und Schwierigkeiten zu passieren sind, entspricht nicht den allgemeinen Interessen, ganz abgesehen davon, daß die Baukosten für eine Schule zu Hilfringhausen erheblich theurer sein würden, als in Ohle.